Tiflis das Zeug, interessanter als Berlin zu werden?

Tiflis das Zeug, interessanter als Berlin zu werden?

Georgier sind in übertriebener Coolness und Zurückhaltung, die man von Bewohnern typischer Hipsterstädte wie Berlin oder London kennt, noch nicht geübt. Beim ersten Smalltalk entgleitet meinem Gegenüber aus Tiflis direkt: „Du bist aus Berlin! Wir lieben Berlin!“

Tiflis möchte zum Westen gehören, die Jugendlichen lernen in der Schule oder in Kursen des Goethe-Instituts Deutsch. Nicht selten wurde ich am Ende eines Gesprächs nach Hause oder auf einen georgischen Naturwein eingeladen und erhielt Empfehlungen, was ich in Tiflis nicht verpassen dürfe. Dieser Stolz auf ihre Stadt und die Gastfreundschaft sind das, was die Menschen aus Tiflis ausmacht.

Viele vergleichen die Stadt und ihre Stimmung mit der in Berlin nach dem Mauerfall, als Bars und Clubs in leerstehenden Häusern eröffneten. Will man beispielsweise die berüchtigte „Drama Bar“ besuchen, muss man im dritten Stock eines Wohnhauses klingeln und steht in einer Altbauwohnung aus dem 19. Jahrhundert. Wo in Berlin mittlerweile Gentrifizierung und Ordnung eingezogen sind, soll Tiflis noch jung und bezahlbar sein und Platz für Kreative haben.

Anders als Anfang der 90er in Deutschland, stehen allerdings die russischen Truppen weiterhin an der Grenze Georgiens bereit, was in der jungen Generation Kritik laut werden lässt. Denn obwohl überall in Tiflis EU-Flaggen zu finden sind, gehört Georgien nicht zur Europäischen Union. Die Einwohner hoffen auf eine andere Zukunft, der sie nachts entgegenfeiern und für die sie tagsüber auf die Straße gehen.

Denn der Wirtschaft geht es noch immer nicht gut, die Arbeitslosigkeit ist hoch, aber die Lebensfreude ungetrübt. Seitdem das „Forbes“-Magazin vor einigen Monaten schrieb „Berlin is out, Tiflis is in“ und Nino Haratischwilis Roman „Das achte Leben“ vielfach verkauft wurde, freuen sich viele Georgier auf den aufkeimenden Tourismus. Noch mehr Bekanntheit wird das Land erlangen, wenn der neunte Teil der „The Fast and the Furious“-Filmreihe in die Kinos kommt, der derzeit in Georgien gedreht wird.

Bis dahin locken unentdeckte Hotels, Galerien und Restaurants die hippe Reisecrowd.

Design

Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt muss man Kutschen überholen oder freilaufenden Kühen ausweichen, welche die Autobahn unerwartet kreuzen. Als ich der Innenstadt näherkam, war ich von den Betonbunkern und brutalistischen Gebäuden aus der Sowjetzeit überwältigt.

Es dauert einen Moment, bis man die hippen Facetten der Stadt erkennt. Graffiti, meist vom lokalen Meister Mishiko Sulakauri (genannt „Lamb“), treffen auf übergroße Banner mit Luxusmodewerbung und hinter den eindrucksvollen Fassaden einst verlassener Gebäude findet man heute Boutiquehotels, Coworking-Büros und Restaurants, die es in Design und internationalem Flair mit New York und Berlin leicht aufnehmen können.

So wie an der lauten Hauptstraße, wo die Gründerzeithäuser bröckeln und daneben das neue „Stamba“-Hotel glänzt, das seinen Industrial-Chic mit schweren Betonsäulen neben Designklassikern perfektioniert hat.

Wer direkt in das hippe Tiflis eintauchen will, beginnt seine Suche an diesem Ort. „Man kann durchaus sagen, dass wir die Pioniere sind, die den Hype um die Stadt begonnen haben“, sagt Tina Kavadze, die PR für das Hotel macht. „Zuvor war in diesem Viertel nichts, das die Leute angesprochen hat. Heute ist das ehemalige Verlagshaus ein Ort, der Locals und Zugereiste gleichermaßen anzieht.“ Anders als in Berlin, wo Luxushotels wie das „Soho House“ auf eine „Members only“-Strategie setzen, ist das „Stamba“ ein offener Treffpunkt der Kreativszene mit vielen Events und Ausstellungen.

Neben dem schicken Epizentrum, der Hotelbar, gibt es auch eine „Vertical Farming“-Zone, in der selbstgezogene Pflanzen und Kräuter für die Küche gezüchtet werden. Nach dem Vorbild der Berliner Szene, die das Konzept auch im „Good Bank“ oder dem „Beba“ im Gropius Bau umgesetzt hat. In der deutschen Hauptstadt ist es derzeit schick, sich auf Nachhaltiges und Selbstgemachtes aus lokalem Umfeld zu besinnen - in Tiflis aber war es nie anders.

„Im ‚Stamba‘-Hotel wurde auch ausschließlich mit lokalen Designern und Architekten zusammengearbeitet“, erklärt Kavadze, das Konzept habe sich auf die ganze Stadt ausgeweitet. Im Quartier Chugureti investierte die hinter dem Hotel stehende Adjara Group zum Beispiel aus einer alten Textilfabrik das multikulturelle Projekt „Fabrika“, ein Hostel mit Designläden, Coffeeshop und Ramen-Restaurant, das erste in Georgien.

Mode

Neben der Unterstützung der Architektur-Biennale und des Filmfests in Tiflis, sind das Hotel und seine Investoren auch Unterstützer der lokalen Modeszene. Seit 2015 findet die Mercedes Benz Fashion Week Tibilisi statt. „Anfangs war es wirklich hart, da Georgien nicht als Modedestination bekannt war und die Modewelt nichts über georgische Designer wusste“, erklärt Sofia Tchkonia, die Kreativdirektorin der MBFW Tiflis. Das erleichterten der Erfolg des in Georgien geborenen Designers Demna Gvasalia, der das Label Vetements gründete und heute Kreativchef von Balenciaga ist, und seines Kollegen David Koma, der bis 2017 Kreativdirektor bei Mugler war.

„Da es zu Sowjetzeiten keine Modegeschäfte gab, fehlte es an allem. Man konnte nichts kaufen und die Mode existierte nicht, Frauen kopierten die Kleider von französischen oder italienischen Filmstars wie Catherine Deneuve, Anouk Aimee, Sofia Loren“, meint Tchkonia. Auch sie spricht offen über die Missstände im Land, die sie aber heute als Chance sieht. „Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebte Georgien schwierige Zeiten, politisch, wirtschaftlich besonders in den Neunzigerjahren, und die Ästhetik war ganz anders, düsterer und depressiver. Jetzt setzt die junge Generation auf Frisches und der georgische Stil ist bunter und jung. Sie haben die Freiheit, Neues zu erschaffen.“


Kunst

Auch „Female Empowerment“, wie es in vielen westlichen Metropolen gerade omnipräsent ist, spielt in Georgien eine Rolle. Das wird bewusst, wenn man eine der zahlreichen Galerien besucht, ich war im neu eröffneten Fotografie- und Multimediamuseum in Tiflis. „Unter den interessantesten Fotografen sind viele Frauen zu finden“, sagt die Kuratorin Elena Valaite, während sie gesellschaftskritische Fotos von Künstlerinnen wie Dina Ogonova und Anka Gujabidze zeigt. „Starke Frauen sind typisch für Georgien. Damals, als die Männer im Krieg waren, mussten sie alles in die Hand nehmen.“

Ein spannender Treffpunkt der Kunstszene, wie er in Berlin von vielen vermisst wird, liegt nur eine Stunde Fahrt vom Innenstadtkern Tiflis‘ entfernt, versteckt zwischen Weinbergen. Die Kunstvilla „Garikula“ ist ein unabhängiger Treffpunkt, in der georgische und internationale Künstler zusammenarbeiten. Finanziert wird sie vom Staat, in ihrem Garten findet seit elf Jahren ein Kunstfestival statt, bei dem Künstler wie Gregg Fleishman Skulpturen gestalten, die sonst auf dem „Burning Man“ zu sehen sind.

Der Initiator ist Karaman Kutateladze, der nach vielen Jahren in Frankreich in seine Heimat Georgien zurückgekehrt ist. Hier möchte er durch das Festival und die Ausbildung junger Künstler die Leichtigkeit und das alternative, glückliche Leben an die nächste Generation weitergeben. „Zeitgenössische Kunst bedeutet Freiheit, und Freiheit bedeutet Menschenrechte“, sagt er überzeugt.

Source: WELT